Daniel Kehlmann: Tyll

Kehlmann_TyllVor Jahren habe ich mal „Die Vermessung der Welt“ gelesen. Ich fand es ganz nett, aber es hinterließ bei mir keinen bleibenden Eindruck und so habe ich Kehlmann in der folgenden Zeit nicht weiter beachtet. Als ich aber „Tyll“ in den Buchläden liegen sah, war ich sofort interessiert: Der Dreißigjährige Krieg verwoben mit einer sagenumwobenen Figur wie Till Eulenspiegel, das könnte spannend sein. Eigentlich wollte ich auf die Taschenbuchausgabe warten, aber dann sah ich Plakate für eine Lesung von Kehlmann und beschloss relativ spontan, Karten zu kaufen und hinzugehen (das musste ich wirklich sehr spontan beschließen, die Lesung war sehr schnell ausgebucht und ich hatte noch Glück, überhaupt hinzukönnen!).

Die Lesung

Es ist jetzt schon einen ganzen Monat her, aber ich erinnere mich gerne an diesen schönen und interessanten Abend im Kaisersaal des Historischen Kaufhaus in Freiburg. Die eigentliche Lesung wurde umrahmt von einem Gespräch zwischen Daniel Kehlmann und Karl-Heinz Ott, ebenfalls Schriftsteller (ich kannte ihn bis dahin allerdings nicht). Das war hochinteressant, es wurde sehr deutlich, wie viel Arbeit in der Literatur steckt und wie viel Hintergrundwissen, literarisch und historisch, Kehlmann hat (oder sich aneignen musste für dieses Buch). Mein Eindruck ist, dass (bei Kehlmann natürlich vorhandenes) Schreibtalent für so ein Buch nicht ausreicht, es steckt auch eine Menge Recherche und eben Arbeit darin. Vorgelesen hat Kehlmann dann einen Teil des Kapitels „Könige im Winter“, so ziemlich aus der Mitte des Buches. Das war sehr toll und lebendig und hatte den Effekt, dass ich später beim Lesen dann auch Kehlmanns Stimme und Sprachduktus mit dem leicht bayrischen Einschlag im Kopf hatte.
Die Lesung führte jedenfalls dazu, dass ich mir doch gleich das Buch kaufte (aber ohne es mir noch signieren zu lassen…) und es dann auch las. Außerdem will ich jetzt auch noch was über den Dreißigjährigen Krieg lesen, ich habe da doch einige Wissenslücken (ist eigentlich nicht so meine Zeit, das 20. Jahrhundert interessiert mich meistens mehr). Der Kaffeehaussitzer hat da ein ganzes Lesesprojekt mit vielen spannenden Empfehlungen.

Das Buch

Ganz große Klasse. Vor allem sprachlich sehr, sehr toll, wunderschön geschrieben.
Einen richtigen durchgehenden Plot und Spannungsbogen gibt es eher nicht, die Handlung springt zwischen den Kapiteln von Ort zu Ort und von Zeit zu Zeit. Ich hatte da vorher meine Bedenken, ob mir das gefällt, aber es funktioniert wahnsinnig gut. Die einzelnen Figuren tauchen immer wieder auf, auch kleine Nebenfiguren. Nicht in jedem Kapitel liegt der Fokus auf Tyll, aber er ist immer da und so setzt sich seine Geschichte Stück für Stück wie ein Mosaik zusammen, ebenso die Geschichten der anderen Figuren. Der Dreißigjährige Krieg bildet den Hintergrund, seine Schrecken werden eher distanziert geschildert, aber gerade dadurch besonders eindrücklich. Bedrückendes und Heiteres liegt oft sehr nah beieinander.

Ein Historischer Roman?

Die Frage, was ein Historischer Roman ist und was nicht, und was von Historischen Romanen überhaupt zu halten ist, wäre wohl noch einen eigenen Artikel wert.
Für mich fällt „Tyll“ nicht unbedingt in diese Kategorie. Der „typische“ Historische Roman hat ja oft den Anspruch, zu zeigen, wie es war oder gewesen sein könnte (was meiner Meinung nach scheitern muss). Diesem Anspruch weicht Kehlmann ja schon allein dadurch aus, dass er seine Hauptfigur aus dem 14. Jahrhundert entleiht und um 300 Jahre ins 17. Jahrhundert versetzt und diese Figur noch dazu recht mythisch ist. Die tatsächlich historischen Figuren, wie den Winterkönig oder Athanasius Kircher, hat Kehlmann sorgfältig recherchiert und doch auch frei bearbeitet, so bleibt es immer klar, dass es eben literarische Figuren sind. Für mich ist „Tyll“ ein Roman, ein Stück Literatur, das eben vor historischem Hintergrund spielt, aber kein explizit Historischer Roman.

Fazit

Wundervolle Literatur, großartig geschrieben und durchdacht aufgebaut. Es liest sich sehr gut und leicht, auch wenn es oft thematisch alles andere als leicht ist, und es ist unbedingt lesenswert.

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